Zukunft der Patienten

Medizinalhanf auf Rezept – nicht nur bei Schmerzpatienten verschreiben Ärzte verstärkt Cannabis. Unangenehme Nebenwirkung: Patienten mussten das Medikament bisher aus eigener Tasche zahlen. Gesundheitsminister Hermann Gröhe will dies ändern – und hat dazu einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht. In Zukunft sollen die Krankenkassen für die Kosten aufkommen, eine staatliche Agentur den Hanfanbau regeln. Was bringt das neue Konzept für die Patienten wirklich?

Arzneimittel Cannabis: Breites Wirkungsspektrum

Im letzten Jahr ist die Zahl der Anträge mit Aussicht auf künftige Kostenübernahme weiter gestiegen. So erteilte die Bundesopiumstelle 2015 auf 394 Anträge 200 Genehmigungen – das entspricht über 40 Prozent der gestellten Anträge überhaupt. Der Grund? Immer mehr Patienten greifen wegen der Nebenwirkungen von Opioiden zu Cannabis mit seinen Inhaltsstoffen Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Erfahrungsgemäß wirkt Cannabis nicht nur schmerzlindernd und krampflösend, sondern auch entzündungshemmend und appetitanregend. Dazu senkt es bei Grünem Star (Glaukom) den Augeninnendruck. Andere Staaten haben dies längst in Gesetze gegossen: In Kalifornien wird das Arzneimittel Cannabis längst zur Schmerztherapie, gegen Muskelkrämpfe bei Multipler Sklerose, bei Krebspatienten, gegen Übelkeit und Appetitlosigkeit, bei Aids und Epilepsie eingesetzt.

Wie Patienten aktuell Cannabis erhalten

In Deutschland wird Cannabis seit 2011 als Fertigarzneimittel verschrieben. Für viele Patienten unbezahlbar, so dass das Kölner Verwaltungsgericht 2014 urteilte: Chronisch kranke, austherapierte Patienten dürfen Cannabis als Notlösung privat anbauen – wenn nichts anderes gegen den Schmerz hilft und der Patient das Apothekenprodukt nicht bezahlen kann. Im Grundsatz blieb der Eigenanbau weiter verboten. Medikamente mit dem Cannabis-Wirkstoff THC sind also nur auf Privatrezept erhältlich: Aktuell verschreiben Ärzte Mittel mit Cannabis-Dickextrakt auf Betäubungsmittelrezept sowie weitere aus Kanada und den USA importierte Präparate. Auch reine Cannabisprodukte wie Blüten oder Extrakte sind selbst zu zahlen, Kostenpunkt monatlich bis zu 1800 Euro. Anfang 2016 verfügten 581 Patienten über die notwendige staatliche Sondergenehmigung. Eine ärztlich begleitete Selbsttherapie, in deren Rahmen die Patienten Cannabis inhalieren, rauchen oder die Blüten als Tee aufbrühen.

In Zukunft: Neues Gesetz soll Kriminalisierung beenden

Nicht zuletzt um den Schwarzmarkt auszutrocknen, plädieren Strafrechtler dafür, mit der Kriminalisierung Cannabis konsumierender Patienten Schluss zu machen. Anfang Oktober kündigte Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, außerdem an, die Forschung zu den Folgen von Cannabiskonsum zu intensivieren. Fakt ist: Zwar sprechen Erfahrungswerte und Ärztestimmen für sich, doch der medizinische Nutzen von Cannabis ist bislang nicht ausreichend untersucht – von Studien zu Schmerzlinderung und positiven Effekten bei Übelkeit (Chemotherapie) abgesehen. Zum Frühsommer 2016 werden laut Ärztezeitung Teile des Betäubungsmittelgesetzes (BtmG) modifiziert, um der Einrichtung einer Cannabisagentur den Weg zu bereiten. Um die erwartete erhöhte Nachfrage durch Eigenproduktion zu decken, will die Bundesregierung den Anbau von Medizinalhanf fördern. Dazu schreibt das Bonner Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) einen Wettbewerb unter deutschen landwirtschaftlichen Betrieben aus. Anschließend legt dessen Agentur den Preis fest und kontrolliert die Qualität. Dabei muss der Anbauer die komplette Ernte abliefern, die in Zukunft durch das BfArM an Pharmaunternehmen, Apotheken und Großhändler vertrieben wird.

Wann trägt die Kasse die Kosten?

Hohe Hürden für Patienten, auch in Zukunft: Zwar werden Ärzte neben Arzneimitteln mit Cannabiswirkstoff auch pure Cannabisprodukte ohne Extragenehmigung verschreiben dürfen. Aber die Krankenkasse leistet nur unter bestimmten Voraussetzungen:

– bei schwerer chronischer Erkrankung
– bei Fehlen einer allgemein anerkannten, dem medizinischen Standard entsprechenden Alternative
– wenn naheliegende Aussicht auf einen spürbar positiven Effekt “auf Krankheitsverlauf oder schwerwiegende Symptome” besteht
– wenn ein Patient wenigstens für die Dauer eines Jahres bzw. einmal pro Quartal wegen seines Erkrankungsbilds behandelt wird
– wenn Pflegestufe 2 oder 3 (bzw. entsprechender Pflegegrad) oder Schwerbehinderung besteht
– wenn der Patient auf eine medizinische Dauerversorgung angewiesen ist, die eine lebensbedrohliche Verschlechterung seines Gesundheitszustandes abwendet

Damit nicht genug: Patienten sind außerdem in Zukunft verpflichtet, an einem Forschungsvorhaben teilzunehmen, das bis Ende 2018 laufen soll; eine Auswertung der Studienergebnisse wird bis Mitte 2019 erwartet. Ziel: Eindeutig festzulegen, in welchen Fällen Krankenkassen die Kosten für eine Cannabis-Therapie ab 1. August 2019 dauerhaft übernehmen – und in welchen nicht.

Neuregelung: Verbesserung für chronisch Kranke?

Derzeit scheint eine generelle Legalisierung von Cannabis mit CDU/CSU nicht zu machen: Die Gesetzeslage bleibt, wie sie ist, der Besitz kleiner Eigenbedarfsmengen auch in Zukunft straffrei. Und das einschließlich der bisher nach Bundesland unterschiedlichen Regelung – Berlin zum Beispiel erlaubt bis zu 15 Gramm Cannabis zum Eigenbedarf. Um Eigenanbau weiterhin zu verbieten, führt das Gesundheitsministerium neben der Gefahr potenziellen Missbrauchs folgendes Argument ins Feld: Eine kontrolliert pharmazeutische bzw. medizinische Qualität sei so weder gesichert, noch zu kontrollieren. Stimmen aus der Opposition kritisieren die bleibende Ungerechtigkeit in der Medizin in Bezug auf chronisch Kranke, die in Zukunft bei Prüfung ihrer Voraussetzungen durchs Raster fallen – weiter in Gefahr, ins Visier von Ermittlern zu geraten. Fazit: Eine Neuregelung, die die Behandlungssituation betroffener Patienten in Zukunft verbessern wird, aber mit Optimierungsbedarf.